Vom Mädchen, das mit der Bastelschere auszog,
für seine Wahrheit zu kämpfen
Es gibt einen Punkt im Leben jeder Frau, wo Anpassung und Stärke nicht mehr tragen. Die Rolle, die lange Schutz war, beginnt zu bröckeln, und etwas in ihr regt sich – verletzlich, vertraut. Eine Sehnsucht nach dem Anteil, der schon immer da war, der aber nie Raum bekam. Wenn dieser Moment kommt, spürst du es nicht nur als Gedanken, sondern als inneres Aufatmen, als Ziehen in der Tiefe. Und von dort führt der Weg nur noch in eine Richtung: zurück zu dir.

Mein Herz schlug bis zum Hals. Die Schere war stumpf und vollkommen ungeeignet. Aber meine Absicht war klar: Wenn ich schon nicht gehört wurde, wollte ich wenigstens einen sichtbaren Riss in diese Erwartung schneiden. Ich begann, mühsam Löcher in die Hose zu schneiden. Nicht aus kindlichem Trotz, sondern aus einer tiefen, unausgesprochenen Not. Um mich selbst zu behaupten.
Die Geschichte nahm ihren Lauf. SPOILER: Die Löcher wurden zugenäht und nach einer gewaltigen Ansage musste ich die Hose weiter tragen. Und damit trug ich auch die Botschaft weiter, die ich an diesem Tag gelernt hatte: Meine Wahrheit ist unerwünscht. Meine Grenzen sind verhandelbar. Ich muss mich anpassen, um geliebt zu werden.
Dieses Bild hat mich lange begleitet. Es zeigt, wie früh ich begonnen habe zu kämpfen. Für meine Eltern aus Rebellion. Für mich aus Sehnsucht.
Wie aus Überleben meine Identität wurde
Mit der Zeit wurde mein Kampf immer lauter. Ich lernte, mich durchzusetzen, zu pushen, stark zu sein. Ich lernte, dass Anerkennung auf Leistung folgt und Liebe auf Anpassung. Und ich lernte, dass ich mich sicherer fühlte, wenn ich das verletzte Kind von mir versteckte.
Diese Überlebensstrategie wurde zu meiner Identität. Ich wurde die Kämpferin.
Die alles schafft. Die alles trägt. Die keine Schwäche zeigt.
Ich wurde bewundert – und gleichzeitig immer unberührbarer.
Ich baute Mauern um mich, ohne zu merken, dass sie nicht nur andere fernhielten, sondern auch mich selbst. Und hinter diesen Mauern lagen all die Gefühle, die ich Jahre zuvor begraben hatte: die Sehnsucht nach Anerkennung, der Hunger nach Nähe, die Hoffnung, dass ich geliebt werden könnte, ohne etwas leisten zu müssen.
Mut, mich selbst zu verlieren
Als ich mich auf meine Heilungsreise einließ, kam direkt die Angst. Wer würde ich sein, wenn ich die Kämpferin losließ? Was bliebe übrig, wenn ich all das ablegte, was mich so lange getragen hatte? Die Vorstellung, mich selbst zu verlieren, wirkte bedrohlicher als jede noch so schmerzhafte Erinnerung. „Was bleibt übrig, wenn ich die Rolle gehen lasse, die zu meiner Identität geworden ist? Bin ich dann noch ich?“
Aber ich ging weiter. Schritt für Schritt. Ich lernte, dass das, was ich jahrelang Stärke genannt hatte, in Wahrheit Schutz war. Ich lernte, das Mädchen in mir anzuerkennen, das sich nach Halt sehnte. Und je tiefer ich ging, desto mehr spürte ich: Ich kann mich selbst halten. Ich kann mir Sicherheit geben. Ich kann meine eigene Quelle sein. ICH BIN SICHER. ICH LIEBE MICH.
Und dann geschah etwas, womit ich nicht gerechnet hatte: Die Kämpferin kam zurück.
Aber diesmal nicht als Rüstung, sondern als kraftvolle, geerdete Version meines Selbst.
Eine Stärke, die aus Liebe entsteht, nicht aus Angst.
Sie ist heute weich und klar zugleich.
Offen, aber nicht schutzlos.
Verwurzelt, aber nicht festgefahren.
Sie ist nicht mehr die Rolle, die mich geschützt hat – sie ist die Frau, die ich immer war.
Wie es sich anfühlt, bei mir anzukommen
Bei dir anzukommen, fühlt sich für mich an wie ein warmes Bad. Es ist ein leises, tiefes Einverständnis mit mir selbst. Ein entspanntes Zurücksinken in eine Wahrheit, die nie zerstört wurde, sondern nur lange im Verborgenen lag. Ein stilles
Wissen, dass ich nicht repariert werden muss. Dass ich genug bin. Dass ich schon immer genug war.
Ich bin nicht neu geworden.
Ich bin mir wieder begegnet. Nach einer gefühlten Unendlichkeit.
ENDLICH ICH.
Eine Frau, die für sich losgeht, ändert die Welt
Ich weiß, wie es sich anfühlt, ein Leben zu führen, das nach außen hin funktioniert und sich innen komplett leer anfühlt. Ich weiß, wie es sich anfühlt, sich verloren zu haben, ein Leben zu führen, was einem nicht gehört. Ich kenne die Erschöpfung, die entsteht, wenn man immer stark ist. Ich kenne das innere Zittern, das beginnt, wenn man zum ersten Mal eine Mauer ablegt. Und ich kenne den unbeschreiblichen Moment, in dem man spürt: Da ist etwas in mir, das niemals zerbrochen ist. Meine wahre Essenz.
Ich habe mich zurück zu mir begleitet. Heute danke ich mir für den Mut, den ersten Schritt gegangen zu sein. Immer wieder darauf zu vertrauen, dass es gut werden wird. Und heute begleite ich Frauen dabei, dasselbe zu tun.
Nicht indem ich ihnen sage, wer sie sein sollen, sondern indem wir gemeinsam sichtbar machen, wer sie schon immer waren. Die Frau hinter der Rolle. Die Essenz hinter dem Kampf. Die Wahrheit hinter der Angst.
Alles, wonach du dich sehnst, existiert bereits in dir.
Es wartet darauf, gesehen zu werden.
Und du musst es nicht alleine freilegen.
Dein erster Schritt wartet auf dich!
Das Mädchen mit der Schere
Ich sehe mich noch: ein kleines Mädchen, das auf dem Boden seines Kinderzimmers sitzt, den Rücken zur Tür. Vor mir liegt die neue Cordhose. Eine Hose, die ich nicht wollte, die aber dennoch gekauft wurde. Eine Hose, die für mich all das verkörperte, was ich nicht sein durfte. Ich wusste nicht, wie ich mich sonst wehren konnte.
Also nahm ich die Bastelschere in die Hand.
