DAS SCHWEIGEN DER FRAUEN

Warum Zeit keine Wunden heilt - und warum wir gemeinsam laut werden müssen. Männer und Frauen.

Ich bin nichts Besonderes.

Was mir passiert ist, passiert täglich hunderten Frauen. Aber keine spricht darüber. Weil wir uns alle schämen. Und weil wir alle wissen, dass es sowieso nichts bringt. Außer die Situationen immer wieder durchfühlen zu müssen. Also halten wir unseren Mund. Lassen Gras über die Sache wachsen, in der Hoffnung, dass die Zeit diese Wunden heilt.

Bei jedem Fall sexualisierter Gewalt, der medial wird, reißt diese Wunde wieder auf. 

 

Der Fall Ulmen/Fernandes hat meine soweit aufgerissen, dass ich sie nicht mehr schließen kann. Vielleicht nicht mehr schließen will.

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Deshalb spreche ich jetzt aus, was mich zum Teil seit Jahrzehnten begleitet.

Ich bin so wütend.

Seit Tagen. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so lange so aufgebracht war. Seitdem ich gelesen habe, was Christian Ulmen seiner Ex-Frau Collien Fernandes angetan haben soll, rauscht das Blut in meinen Ohren. Hämmert mein Herz in meiner Brust. Ich möchte schreien. Den ganzen Tag.

Da ist ganz viel Solidarität. Und genauso viel Backflash.

Ich gehöre zu #metoo. Meine Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt waren andere – aber dieser neue Fall holt die alten Gefühle zurück: Ausgeliefert sein. Nicht ernst genommen werden. Relativierung. Die Selbstzweifel und Selbstvorwürfe. Und das Wissen, dass kein System hinter mir steht. Dass ich da alleine durch muss – ohne Strafe für den Täter. Ohne irgendeine Art von Kompensation. Mit der Gewissheit, dass keiner von ihnen es jemals zugeben würde. Dass mein Körper Nein gesagt hat – nur nicht mit dem Wort, das Gerichte hören wollen. Erstarren ist ein Nein. Kämpfen ist ein Nein. Weinen ist ein Nein. Aber solange eine Frau nicht am besten laut und mehrmals „Nein" gesagt hat, ist sie vor dem Gesetz selbst schuld. Das ist der Grund, warum keine Anzeige erstattet. Das ist der Grund, warum wir schweigen.

Ich schäme mich immer noch für das, was mir passiert ist. Die Scham muss die Seite wechseln.

So wie mir geht es unzähligen Frauen. Und geteiltes Leid ist hier kein halbes Leid – es wird zur kollektiven Anklage. An eine Welt, die keine Frauen schützt. Sondern Täter.

Ich habe gelernt, bevor ich lesen und schreiben konnte, dass es gefährlich ist, eine Frau mit einer eigenen Meinung zu sein. Das hat mich nicht davon abgehalten, eine zu werden. Und sie laut zu vertreten. Ich wurde dafür als „Männerhasserin" bezeichnet. Es war einfacher, mich zu degradieren, als sich mit meinen Beweggründen auseinanderzusetzen.

Ich hatte für mich verstanden: Männer suchen sich Opfer. Keine Gegner. Also bin ich zum Gegner geworden.

Geschützt hat es mich dennoch nicht. Was es gekostet hat, hat niemanden interessiert.

Ich sage es trotzdem: Es hat mich die Verbindung zu mir selbst gekostet. Wenn du stärker sein willst als jeder Mann im Raum. Wenn du eine Mauer aus Kraft und Härte um dich baust – dann lässt du nicht nur die Gefahr nicht mehr rein. Sondern auch die Freude nicht. Die Liebe. Das Glück. Du stumpfst ab. Du wirst irgendwann zur Marionette deines eigenen Kampfes.

Irgendwann musste ich mir die Frage stellen: Opfere ich mich weiter auf für einen Kampf, den ich so nicht gewinnen kann? Oder gestalte ich ihn anders, weil Aufgeben keine Option ist?

Seitdem kämpfe ich nicht mehr gegen etwas. Ich kämpfe FÜR etwas.

FÜR die Frauen. FÜR mehr Raum. FÜR Grenzen, die halten – für uns alle. Denn je mehr Frauen bei sich sind, desto mehr Raum nehmen wir gemeinsam ein. Je mehr wir uns gegenseitig halten, motivieren, schützen und feiern – desto kleiner wird das, was uns klein halten will.

Das ist kein Motivationsslogan. Das ist die einzige Strategie, die funktioniert, wenn alle anderen Systeme versagen.

Ich habe lange geschwiegen. Heute nicht mehr.

 

Der Text könnte jetzt hier enden. Alle Frauen, die bis hierhin gelesen haben, wissen, wovon ich spreche. Aus eigener Erfahrung oder weil sie eine Frau kennen, die Ähnliches erfahren hat.

Alle Männer, die sich mehr Fakten oder Informationen wünschen, anhand derer sie meine Aussagen validieren können: Das ist genau das Problem. Ich muss nicht bis ins kleinste Detail gehen, damit ich eure Zustimmung erhalte, dass es wirklich ein sexueller Übergriff war. Dass ich nicht überreagiert habe. Dass ich es nicht provoziert habe.

Denn genau hier fängt Mittäterschaft an. Selbst wenn ihr keine Täter seid. Das mag euch nicht gefallen. Aber der Bereich zwischen „Täter sein“ und „für Frauen einstehen“ ist gespickt mit sexistischen Witzen, Schweigen, Relativierung. Ihr wollt nicht zu den Tätern gehören? Ganz einfach. Dann werdet gemeinsam mit den Frauen laut und verteidigt uns – auch und vor allem, wenn wir nicht im Raum sind. 

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